Wirtschaftszweig „Volksgesundheit“
12.08.2013

Wirtschaftszweig „Volksgesundheit“


Von: Neumarkter Tagblatt, Doris Distler

Dr. Christian Nunhofer hat zum 1.10.2013 seine Kassenzulassung zurückgegeben. Seine Gründe dafür sind vielfältig.

„Ich stelle mich diesem System nicht mehr zur Verfügung“, ist das Resümee des Neumarkter Neurologen und Psychiaters Dr. Christian Nunhofer. In einem Vortrag erläuterte der Mediziner im voll besetzten Tagungszentrum des Ärztehauses, warum er seine Kassenzulassung mit Ende dieses Quartals abgibt.

Auslöser für diesen Entschluss war die Einführung der Elektronischen Gesundheitskarte (e-card) – „doch Gründe, die zu dem Entschluss geführt haben, gibt es unzählige“. Aus seiner Insider- Perspektive zeigte er auf, wie sich das ehemalige Ziel der „Volksgesundheit“ zu einem reinen Wirtschaftszweig entwickelt hat: Mit der Krankheit der Menschen lässt sich viel Geld verdienen. Die Gewinner sind die Krankenkassen.

Auch für Laien gut verständlich stellte Dr. Nunhofer vor, wie das krankende Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert. Die Krankenkassenbeiträge werden zusammengeworfen und dann, je nach Krankheit der Krankenkassen-Mitglieder, wieder an die Kassen verteilt. Da lohnt es sich, Patienten kränker zu machen, zugleich aber die Therapiekosten zu senken. Dies bringt doppelten Gewinn für die Kassen. Zugleich werden die Ärzte beschnitten: Sie dürfen nur eine bestimmte Anzahl an Patienten behandeln, nur eine bestimmte Menge an (billigen) Medikamenten verordnen, sagte Nunhofer. Haben sie zu viele oder zu teure Medikamente verordnet, müssen sie den Betrag an die Kassen zurückerstatten. Das können schon mal 70 000 Euro pro Jahr sein. Ein Hamburger Arzt beging nach einer sechsstelligen Kassen-Rückforderung Selbstmord. Ein anderer Arzt, den Dr. Nunhofer kennt, schießt Mieteinnahmen in seine Praxis ein, damit sie nicht ins Minus fährt.

Das wird verständlich, wenn man die Sätze für ärztliche Leistungen betrachtet: Für ein Testverfahren bei Demenzverdacht gibt es 1,94 Euro. „Eine Arzthelferin ist damit aber 15, 20 Minuten lang beschäftigt.“ Das Gesundheitssystem will viel Geld erwirtschaften, und das passt nicht zum Genfer Gelöbnis, nach dem das oberste Gebot für den Arzt das Gebot seines Handelns sein soll. Mit der e-card schließlich wird der Mensch zum gläsernen Patienten, dessen Daten sich gut auf dem Markt verkaufen lassen.

Dr. Nunhofer steigt ab 1. Oktober aus dem System aus. Und erklärt augenzwinkernd: „Krankenkassen zahlen auch nicht-kassenzugelassen Ärzte, wenn die anderen Ärzte voll sind.“ Das sind sie im Landkreis Neumarkt. Wartezeiten von zwei, drei Monaten bei Neurologen sind üblich. Die Kassenärztliche Vereinigung sieht den Landkreis dennoch mit 148 Prozent ärztlich überversorgt. Ohne Dr. Nunhofer sind es dann angeblich rund 120 Prozent. Ärztenachwuchs, der dringend nötig ist, ist kaum in Sicht.

Das Gesundheitssystem ist eine komplizierte Angelegenheit, die Dr. Nunhofer zur erklären versucht

Dr. Nunhofer erläuterte, wie das Gesundheitssystem funktioniert.