Migräne
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Migräne

Migräne ist nach dem Spannungskopfschmerz die zweithäufigste primäre Kopfschmerzform. "Primär" bedeutet, dass Kopfschmerzen nicht „Nebenwirkung“ einer anderen Erkrankung wie zum Beispiel einer Hirnhautentzündung sind, sondern das Übel ansich darstellen.

Typisches Migräne-Symptom ist ein heftig klopfender halbseitiger Kopfschmerz mit Zunahme bei körperlicher Betätigung. Begleiterscheinungen stellen Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheu, Lärmempfindlichkeit sowie eventuelle neurologische Ausfälle mit Sehstörungen, Sprachstörungen oder einseitigen Lähmungen/Gefühlsstörungen und Schwindel dar. Zirka jeder zehnte Migräne-Patient entwickelt eine chronische Migräne. Diese liegt bei mindestens 15 Kopfschmerztagen pro Monat und davon mindestens acht echten Migränetagen vor. Zum Nachweis ist ein Kopfschmerzkalender erforderlich, in dem der Erkrankte die Art des Leidens beschreibt und die Dosierung eingenommener Akutmedikamente vermerkt.

Bei chronischer Migräne helfen aus der Reihe der bekannten vorbeugenden Präparate in der Regel nur Propranolol oder Topiramat, im Fall von gleichzeitig erfolgender, überhöhter Schmerzmittel-Einnahme ausschließlich Topiramat. Sollte selbst dieses Medikament keine wesentliche Besserung bringen, steht als neue, sehr gut wirksame Therapie „Botox“ zur Verfügung. Jenes im Wesentlichen aus der kosmetischen Medizin bekannte Nervengift ist ein zugelassenes Handelspräparat für chronische Migräne. Es wird von besonders geschulten Ärzten wie mir an 31 exakt definierten Stellen am Kopf injiziert. Dabei kommen hauchdünne Nadeln zum Einsatz. Die Behandlung muss in der Regel im Abstand von drei Monaten wiederholt werden.

Ein genaues Erkundungsgespräch zur detaillierten Feststellung Ihrer Beschwerden geht der ersten Injektionsbehandlung voraus. Dieses Anfangsgespräch, medizinisch "Anamnese" genannt, liefert mir in der Vielzahl der Fälle wesentliche Informationen über die spezifische Art der Kopfschmerzerkrankung. Eine gründliche körperlich-neurologische Untersuchung sowie eine EEG-Ableitung runden die Diagnose ab.

Häufig wünschen die Patienten bildgebende Untersuchungen wie CT's oder Kernspin-Tomographien. Diese Untersuchungen sind nach meinem Erachten nur sinnvoll, wenn die Anamnese, der körperliche Befund oder das EEG den Verdacht auf eine Erkrankung des Gehirngewebes liefern. Bei allen Formen von Kopfschmerz ist dies aber nur sehr selten der Fall, so dass ein CT oder eine Kernspin-Untersuchung zur Abklärung von Kopfschmerzen meist überflüssig und unergiebig ist.

BoNT-Injektionen

"BoNT". Diese Abkürzung steht für den Begriff Botulinum-Neurotoxin, wobei "Neurotoxin" wörtlich übersetzt und sehr zutreffend "Nervengift" bedeutet. "Botulus" ist das lateinische Wort für "Wurst". Mit dem Kürzel BoNT kennzeichnet man das höchstgefährliche Toxin der Wurst- oder Fleischvergiftung, welches sich zum Beispiel in alten, überlagerten Konservendosen bilden kann.

BoNT lähmt Muskeln, weil bestimmte Funktionen an den Nervenendigungen geschädigt werden. Von dort kann dann kein Impuls mehr auf den Muskel überspringen. In der Folge arbeitet der Muskel nicht mehr - so wie ein Elektromotor nicht mehr funktioniert, wenn das zuführende Stromkabel defekt ist. BoNT steht in der modernen Medizin als Injektionslösung zur Verfügung und wird vor allem in überaktive Muskeln gespritzt, um diese gezielt und optimal dosiert zu schwächen. Zum Beispiel bei Dystonien, jenen unwillkürlichen Bewegungen bei Augenlid- oder Gesichtskrämpfen, Schiefhals und dergleichen. Durch BoNT-Injektionen werden diese Bewegungen abgeschwächt, im günstigsten Fall sogar beseitigt.

Spastische Lähmungen sind Behinderungen mit einer Versteifung eines Arms und/oder Beins, häufig in der Folge von Schlaganfällen, aber auch nach Hirnverletzungen oder Schädigungen des Rückenmarks. Die Muskelverkrampfungen werden durch die BoNT-Einspritzungen aufgelockert. BoNT wird seit relativ kurzer Zeit erfolgreich bei der Behandlung der chronischen Migräne eingesetzt, falls die üblichen migränevorbeugenden Medikamente (vor allem Betablocker, Flunarizin, Topiramat, Valproat) versagt haben (weitere Informationen in der Rubrik „Chronische Migräne“). Übermäßige Schweißabsonderung z.B. im Achselbereich, an den Handflächen oder den Fußsohlen kann mitBoNT-Injektionengestoppt werden. Vermehrter Speichelfluss, unter dem viele Parkinson-Patienten leiden, wird durch den gezielten Einsatz von Botulinum-Neurotoxin unterdrückt. Falls sich bei depressiv Erkrankten eine oder mehrere steile Falten zwischen den Augenbrauen ausgeprägt haben, kann die einmalige, vorübergehende Glättung mit einer BoNT-Injektion zu einer deutlichen Stimmungsaufhellung führen. Dieser Effekt ist wissenschaftlich belegt.

Hier verschafft die „Botox“-Behandlung, wie man sie aus der kosmetischen Medizin kennt, sozusagen im Nebeneffekt die Linderung seelischer Pein. Stressbedingte innere Anspannungen gelten als Auslöser erhöhter Muskelanspannung, die Ursache für körperliche Schäden sein kann. Man denke vor allem an das nächtliche Zähneknirschen und die daraus resultierenden Schäden an Zähnen und am Kiefergelenk. Die „Giftspritze“ kann helfen. Zur präzisen Steuerung der Injektionen verwende ich bedarfsweise mein Ultraschallgerät und/oder Spezialinjektionsnadeln, die mit einem EMG (das ist ein Muskel- und Nervenmessgerät) verbunden sind.

Die Wirkung von BoNT-Injektionen lässt in den meisten Fällen nach zirka drei Monaten nach, weil der Körper die durch die Injektion geschädigten Nervenfasern durch neue ersetzt. Ausnahme ist die Depression, hier reicht in aller Regel die einmalige Anwendung. Botulinum-Neurotoxin ist in Deutschland unter den Präparate-Namen Botox, Dysport, Vistabel oder Xeomin im Handel.