Elektro-Konvulsions-Therapie
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Elektro-Konvulsions-Therapie "EKT"

Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient,


zuerst einige organisatorische Bemerkungen: Falls Sie erwägen, sich bei mir einer ambulanten Elektrokrampftherapie (EKT) zu unterziehen und mehr als eineinhalb Stunden Anfahrzeit nach Neumarkt haben, wäre es sinnvoll, in Neumarkt zu übernachten. Gegebenenfalls ist Ihnen mein Praxisteam gerne dabei behilflich, in einem Hotel oder einer Pension eine angenehme Unterkunft zu finden. Auf meiner Homepage finden Sie auch einen Link zum Tourismusverband Neumarkt. Dort sind alle "Gastgeber" der Urlaubsregion Neumarkt aufgeführt.


Bitte bedenken Sie, dass die Behandlung auch bei ambulanter Durchführung eine Vollnarkose erforderlich macht. Sie sind daher zwingend auf die Begleitung eines zuverlässigen Erwachsenen angewiesen.


Zum eigentlichen Thema:

Die Elektrokrampftherapie ist ein wissenschaftlich begründetes Behandlungsverfahren für bestimmte psychiatrische Erkrankungen. Sie wird unter anderem und vor allem bei sehr schweren akuten Depressionen angewandt und bei Depressionen, die auf mehrere andere Behandlungen zuvor nicht ausreichend angesprochen haben (therapieresistente Depressionen).

Für sehr schwere akute Depressionen stellt die EKT die bestmögliche Behandlung dar, die den raschest möglichen Rückgang der Krankheitssymptome verspricht und damit das schwere Leiden der Patienten am schnellsten zu beenden vermag. Die Ansprechrate dieser Patienten liegt bei 60 bis 80 Prozent innerhalb von zwei bis vier Wochen, bei Patienten mit psychotischen Begleitsymptomen sogar bei 90 Prozent. Die EKT ist im Verhältnis zum angestrebten Therapieerfolg mit einem geringen Risiko verbunden. Es gibt Hinweise, dass das bei schwer depressiven Patienten häufig gegebene Selbstmordrisiko durch eine EKT-Behandlung schnell abnimmt. Erforderlichenfalls kann in meiner Praxis eine EKT-Behandlung auch mit Infusionen kombiniert werden, die den Wirkstoff Ketamin enthalten, wodurch eine sofortige zusätzliche Stimmungsaufhellung zu erwarten ist.
Für akut schwer depressiv Erkrankte stellt die EKT-Behandlung sicher oftmals - nicht immer! - eine Alternative zur stationären Einweisung in eine psychiatrische Fachklinik dar.

Bei therapieresistenten Depressionen ist die EKT die effektivste Behandlungsmaßnahme. Therapieresistenz ist definiert als das Nicht-Ansprechen auf mindestens zwei Antidepressiva aus zwei unterschiedlichen Gruppen, die ausreichend lange und ausreichend hoch dosiert gegeben worden sind.

Aus Umfragen ist bekannt, dass die meisten Psychiater (nicht zu verwechseln mit Psychologen - Psychologen sind keine Ärzte, sondern Geisteswissenschaftler) und Nervenärzte sich selbst bevorzugt mit EKT behandeln lassen würden, wenn sie schwer depressiv erkranken würden.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern (Großbritannien, skandinavische Länder, USA) wird die EKT in Deutschland vergleichsweise selten angewandt, obwohl an ihrer Wirksamkeit bei richtiger Indikation keinerlei Zweifel bestehen. Hierzulande herrschen noch immer unbegründete Vorurteile dieser Behandlungsmethode gegenüber vor. Dabei stellt die EKT bei richtigem Einsatz eine meist schnell wirksame Therapieform dar, die unter Umständen lebensrettend sein kann. Bei einer sehr seltenen psychiatrischen Erkrankung namens perniziöse Katatonie ist die Durchführung einer EKT Pflicht. Die Wirkung der EKT wird von den meisten Patienten in der Rückschau als gut bis sehr gut beurteilt.

Die EKT ist immer nur eine Komponente im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts. Diese Behandlung darf nur von einem entsprechend qualifizierten Facharzt unter Mitarbeit eines Anästhesisten durchgeführt werden.

Die EKT beruht im Wesentlichen darauf, dass in Vollnarkose durch eine kurze elektrische Reizung des Gehirns ein generalisierter Krampfanfall ausgelöst wird. Für die Wirkung der EKT ist primär der ausgelöste Anfall verantwortlich. Der genaue Wirkmechanismus der EKT ist jedoch noch nicht abschließend geklärt.

Andere mit der Anwendung verbundene Faktoren wie z.B. die Narkose sind für die Wirkung an sich nicht von Bedeutung.

 


Risiken und Nebenwirkungen der EKT


Die nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführte EKT ist eines der sichersten Behandlungsverfahren in Narkose überhaupt. Die Risiken der Behandlung sind im Wesentlichen die Risiken der Narkose. Das Sterberisiko der EKT liegt bei 1:50.000 Einzelbehandlungen (d.h., wenn drei Patienten wöchentlich jeweils drei EKT unterzogen werden, ist statistisch alle 100 Jahre mit dem Tod eines Patienten zu rechnen).


- Schäden am Hirngewebe sind bei nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführter EKT nicht beschrieben worden. Auch aus kernspin- und computertomographischen Untersuchungen ergeben sich keine Hinweise auf Hirngewebeveränderungen nach EKT.

- Direkt nach der EKT können flüchtig geringfügige Störungen der Orientierung, des Kurzzeitgedächtnisses, der Aufmerksamkeit sowie generelle Gedächtnisstörungen auftreten. Während sich diese an die Zeit nach der EKT rasch (in der Regel nach Stunden bis zu wenigen Tagen, spätestens 4 Wochen) zurückbilden, können die Gedächtnisstörungen für die Zeit vor der EKT länger andauern.

- Unmittelbar nach der EKT auftretende neuropsychologische Störungen (z.B. Sprach- oder Handlungsstörungen) sind selten, bilden sich stets zurück und bedürfen keiner Behandlung.

- Kopfschmerzen in Form von Spannungskopfschmerzen treten bei knapp einem Drittel der Patienten nach EKT auf (häufigste Nebenwirkung der EKT) und können im Bedarfsfall mit gängigen Schmerzmitteln behandelt werden. In seltenen Fällen können auch typische Migräneattacken durch EKT ausgelöst werden.

- Übelkeit und Erbrechen nach EKT kommen selten vor und werden bei Bedarf mit den üblichen Medikamenten behandelt.


Gegenanzeigen für eine EKT


Absolute Gegenanzeigen der EKT sind:

- kürzlich überstandener Herzinfarkt (3 Monate),

- schwerste Funktionseinschränkungen des Herzens oder der Lungen, weil dann die Narkosefähigkeit möglicherweise nicht gegeben ist,

- extremer Bluthochdruck (hypertensive Krise),

- erhöhter Hirndruck,

- frischer Hirninfarkt (3 Monate),

- ein mit Begleitödem versehener Hirntumor,

- akuter Glaukomanfall.

Relative Gegenanzeigen sind:

- zerebrales Aneurysma (Aussackung einer Hirnschlagader)

- zerebrales Angiom (Fehlbildung in Form eines Gefäßknäuels im Hirn).

Keine Gegenanzeigen sind:

- höheres Lebensalter (steigende Wirksamkeit der EKT!),

- Schwangerschaft,

- Herzschrittmacher.


Durchführung der EKT


Die EKT wird als Behandlungsserie in der Regel acht bis zwölf Mal durchgeführt, meist zwei- bis dreimal pro Woche. Während der EKT wird ein in das EKT-Gerät integriertes EEG abgeleitet. Dieses errechnet aus der Dauer und der Stärke des ausgelösten Anfalls automatisch einen physikalischen Index, der schlussfolgern lässt, ob die Behandlung ausreichend wirksam war oder nicht. Dieses Analyseergebnis wird zudem herangezogen, um die Reizstärke für die Folgebehandlung anzupassen.

Zur Routineüberwachung durch den Anästhesisten gehören ein EKG-Monitor sowie die Messung des Sauerstoffgehalts im Blut durch einen Fingerclip.

Die EKT wird in Kurznarkose unter medikamentöser Muskelentspannung, Sauerstoffbeatmung und Zahnschutz durchgeführt. Die Elektrodenplatzierung erfolgt bei mir in der Regel über beiden Schläfen mit Verabreichung von Kurzpulsströmen. Die Reizung über beiden Schläfen ist sinnvoll, weil diese Methode bekanntermaßen zu einer stärkeren Wirkung führt. Allerdings geht sie mit etwas vermehrten Nebenwirkungen wie Störungen der Orientierung, des Gedächtnisses oder Entfremdungsgefühlen einher. Andererseits ist das von mir verwendete EKT-Gerät bei der Reizabgabe besonders schonend: Es löst nicht spontan aus, sondern innerhalb von acht Sekunden nach Betätigung des Auslöseknopfs. Während dieser Zeit sucht sich die Maschine automatisch aus dem EEG-Muster einen bestmöglich verträglichen Zeitpunkt für die Abgabe des Impulses heraus. Auch die Dauer des Stromflusses wird vom Gerät automatisch festgelegt.

 

Um den Effekt der Behandlung zu festigen, haben sich Auffrischbehandlungen etabliert, wobei sich diese Wiederholungsbehandlungen in immer größeren Abständen zur Erstbehandlung anschließen.

Weitere Informationen

Elektrokrampftherapie: Strom gegen Depression
Quelle: Beitrag des NDR
Visite - 31.01.2017 20:15 Uhr Autor/in: Sigrun Damas